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Garmisch-Gardasee

Tag 2: Reintalangerhütte - Gaistalalm

Auf meiner 50cm Pritsche mit der Nummer 13 des 34 Mann Matratzenlagers habe ich furchtbar geschlafen, zumindest fühle ich mich so. Um 6:00Uhr startet das muntere Kruschen, Kramen und Knarzen aller morgenaffinen Wanderer (nicht mir!). Ich quäle mich aus dem „Bett“ und setze mich an den Frühstückstisch. Eine Stunde lang versuche ich mit Kaffee wachzuwerden. Hämisch lacht mir die Silhouette des Hüttenwirts und seines Hundes auf der Tasse entgegen: „genieße es, dein Andy“.

Ein Blick auf die Daten meines Fitbitarmbands widerlegen meinen Eindruck einer schlaflosen Nacht und belohnen acht Stunden mit einem Sternchen. So passen Gefühle und Faktenlage wenig zusammen, was den Tag heute bestimmen wird.

Wir starten Richtung Knorrhütte. Nach wenigen Metern bohrt sich das Gestell meines Rucksacks in meine Hüfte. Und so räume ich alles wieder aus um die völlig verbogene Stange irgendwie zurückzubiegen. Es glückt mittelprächtig. Ein Schotterweg führt zum Talende. Ab dort startet ein zäher Aufstieg zur Knorrhütte, den ich vom letzten Jahr als äußerst mühsam in Erinnerung habe. Im letzten Jahr ging es noch hoch auf die Zugspitze, am Nachmittag hatte ich noch die Zeit und Kraft beim Tennis zuzuschauen und am Abend in München schön Essen zu gehen. Heute wird der Tag ein wenig anders ablaufen. Unmotiviert schleppe ich mich Schritt für Schritt nach oben. Heute ist jeder Schritt Arbeit. Ich denke an meine Arbeit und sehne mich kurz danach, dass meine Vertretung heute meine Höhenmeter übernimmt, während ich doch am Instandhaltungs-Gremium teilnehme. Und sie würde sich sicher freuen! Nach nicht vergehenden Minuten oder Stunden liegt ein Metallteil im Weg. „Runter wirds besser“ hat dort jemand draufgeschrieben.

Endlich ist die Knorrhütte in Sicht. Unsere Tischnachbarn vom Frühstück brechen gerade auf… Wir machen eine kurze Pause, trotzen der beißenden Hitze mit Weißbier und Holunderschorle und laufen weiter. Ein schmaler Pfad führt weitestgehend gerade Richtung Gatterl. Ein Schild weist auf das Ende des Skigebiets hin. Wir passieren die Grenze über ein Metalltor. Im Maschendraht hat jemand eine Werbung für das Storch Studentenorchester aufgehängt:

http://www.storch-muenchen.org/konzertvorschau/

Samstag, 23.07.2022 im Klinikum Rechts der Isar. An alle Münchner, die nächste Woche noch nichts vorhaben.

Ein seilversicherter Pfad fordert ein wenig Konzentration. Nach ca. vier Stunden unterwegs wünsche ich mir ein Stückchen Fahrweg, um mental ein wenig zu entspannen. Doch es geht weiter einen kleinen Trampelpfad durch die Wiese, vorbei an Kühen, die genüsslich in der Sonne ruhen und wieder auf einem rutschigen Schotterpfad entlang. Immer wieder rutsche ich aus, einmal lande ich auf meinem Po. Heute ist nicht mein Tag. Meine Gedanken driften immer wieder in unangenehme Themen ab, sodass es mir vorkommt als spürte ich deren Gewicht in meinen Oberschenkeln. Das Steinerde Hüttl löst mich kurz aus dieser Gedankenwelt.

Zu Brotzeitbrettl und kühlem Spezi singt Rainhard Fendrich:

weil a bissl Glick fia di no long net reicht

weilst bei mia bleibst wenn da beste freind si schleicht

weilst a herz host wia a bergwerk

weilst a wohnsinn bist für mi - steh i auf di

Und im Anschluss:

Ja, es ist dieses Wippen an den weiblichen Rippen

Das er ständig fixiert, weil es ihn fasziniert

Plötzlich machts ein Kracher, es ist sein Herzschrittmacher

Leider entgültig he, schuld daran ist nur Sie

Sie ist oben ohne, oben ohne

Oben ohne, oben ohne…

Wir verlassen die Alm. Es ist schon Nachmittags und wir haben noch viel vor. Familie Högner (Siehe Prolog) hat diese Etappe vorgegeben. Wir reden heute oft von ihnen, dass das Wahnsinnige sein müssen, wenn sie das alles schaffen… Meine Schritte werden müder und schwerer. Ich eiere so dahin, ähnlich unsortiert serviert mir mein Kopf ein Schmankerl nach dem anderen auf dem Silbertablett und bittet um Bearbeitung. Der Waldweg hinab zur Tillfußalm zieht sich. Es ist ein typischer zweiter Tag. Ich erinnere mich an den Wirt unserer Unterkunft in Bad Tölz, der schon viele Fernwanderer mit dem Ziel Venedig hier abbrechen sah. Dort konnte ich gefühlt die Treppen nur noch rückwärts gehen. Ich spüre einen ähnlichen Zustand und es tröstet mich, dass ich es damals nach Venedig geschafft hatte.

Es gehts nur ums dranbleiben, alternative Wege Wählen, ums niemals Aufgeben, auch wenn es sich grad beschissen anfühlt. Wenn das Endziel so traumhaft erscheint und es sich doch lohnt zu kämpfen, dann werde ich es erreichen. Das hat bisher in allen Lebensbereichen immer geklappt, auch wenn der Weg oft steinig war. (Wort zum Sonntag)

So sitze ich auf dem Waldboden, völlig fertig von eigentlich (Faktenlage!) einer bisher vermeintlich durchschnittlichen Route. Aber ich fühle mich abgekämpft. Ich träume von Yoga Nidra, einer Praxis meines wundervollen Coaches Charlotte, in der es weitestgehend um Loslassen und Tiefenentspannung bei klarem Bewusstsein geht. Doch dazu an anderer Stelle mehr.

Ich beschließe meinen Zustand anzunehmen und suche eine Übernachtungsmöglichkeit im Tal, ohne noch auf den nächsten Berg zur Alplhütte zu steigen um einen alternativen Plan für den Folgetag zu erarbeiten. In der Gaistalalm werde ich fündig.

Ein 9er-Lager wartet auf uns und zwei völlig verpeilt wirkende junge Mädls. Große Glupschaugen blicken auf und ich werde lispelnd gefragt „Hast du Zimt?“. Sie erinnert mich ein bisschen an Dobby, den Hauselfen von Harry Potter. Ich verneine und unterdrücke dabei mein Lachen. Ich stelle mir vor, wir ich auf einer Alpenüberquerung wie selbstverständlich immer ein Gewürzregal als Bauchladen dabei habe und statt wie die fliegenden Händler am Stand „Coccooooo Beelloo“ ausrufen, rufe ich Zimt aus. Ich versuche dennoch mit Dobby ein freundliche interessiertes Gespräch zu führen, was aber sicherlich ein wenig holprig wirkt. Trotzdem hatte diese Begegnung ihren Sinn. Ich komme auf eine Idee die „verlorene“ Zeit in den nächsten zwei Tagen durch Routenänderung wieder reinzuholen. So bin ich dankbar für die Begegnung mit Dobby und gehe müde ins Bett.

Mein Name ist Nela. Ich bin eine freiheitsliebende Entdeckerin, voller Neugierde Neues zu finden, zu sehen, zu versuchen.

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