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Garmisch-Gardasee

Tag 4: Stams - Dortmunder Hütte

Wir frühstücken bei Regina… Ihr Mann ist Tierarzt, hat schon Jahre in Afrika, Nepal und Südamerika gelebt, in seiner Doktorarbeit im Ausland eine Kaninchenplage eingedämmt, und er scheint der Arzt des Vertrauens für alle Menschen ab 18:00Uhr zu sein, wenn sonst kein Arzt erreichbar ist. „Er kann wunderbar nähen“.

Es soll wieder heiß werden. Sie redet fast panisch mahnend auf uns ein, dass die Route viel zu anstrengend bei der Hitze sei. Sie würde uns nach Hauland fahren, von dort sollen wir laufen und wenn irgendein Auto kommt „bitte, bitte“ einsteigen und zur Stamser Alm mitfahren. Sie duldet keine Widerrede und so bringt sie uns die Fahrstraße ca. 300-400 Höhenmeter nach oben. Wir folgen dem Fahrweg weiter, Höhenmeter um Höhenmeter. Ein befreundeter Kollege ruft mich über Facetime an. Ich schnaufe ihm ins Gesicht, während er mir in der Kamera ein paar Sehenswürdigkeiten aus Debrecen (Ungarn) zeigt, wo er gerade auf Dienstreise ist. Er fragt mich, ob ich immer noch unterwegs bin. Ich nenne ihm mein Ziel mit den veranschlagten 21 Tagen Wanderschaft, er lacht und sagt: „das sind 4 Stunden Autofahrt“. So treffen Geschwindigkeits- und Entschleunigungsjunkie aufeinander…

Ich wandere weiter, es wird ein wenig langweilig und ich beschließe mir das Lied „Layla“ anzuhören, über das ich wilde Zensurdiskussionen für Wiesn und andere Feste gelesen hatte. Die Wiesnstimmung schwappt sofort rüber in die Inntaler Alpen. Angesichts der Diskussion frage ich mich, ob „Joana“, „Skandal im Sperrbezirk“ und „Cowboy und Indianer“ dann auch zensiert werden sollen. Direkt nach „Layla“ erreiche ich mit Wiesnstimmung die Stamser Alm, wo zwei alkoholfreie Weißbier auf uns warten. Rasch ziehen wir weiter. Ein Wiesenpfad lässt uns unermüdlich Höhenmeter gewinnen - das Panorama ins Inntal bis hin zur Zugspitze immer im Blick.

Am Bärlehm-Gipfel ist es so stechend heiß, dass das Antesten sich auf die Steine unterhalb des Gipfelkreuzes zu setzen dem Griff auf die heiße Herdplatte gleicht. Mit gegrilltem Hintern folgen wir weiter auf Almwiesen mit grasenden Kühen dem schmalen Trampelpfad Richtung Faltegartenkögele. Dort oben sehen wir in weiter Ferne, wie sich die Wolken dunkel auftürmen. Wir müssen uns beeilen. Die Sonne brennt indes unermüdlich weiter. Meine Haut ist braun-rot und salzig, wie ein Grillhändl auf der Wiesn. Ich sollte mir ein Zitronentuch beilegen. Mit dem Blick auf die dunklen Wolken platzt mein Traum eines riesen Eisbechers, den ich sonst nur am Stadtplatz Dingolfing mit Fred esse (müssen wir dann nachholen!). Unter Hochspannungsmasten hindurch gelangen wir ins Kühtaital. Wir haben noch ca. 30min zu laufen und es beginnt zu regnen und zu donnern. Mir schnellen Schritten kürzen wir zur Straße ab. Tropfen durchnässen mein T-Shirt... Ich warte auf das nächste Auto. Das erste hält. Ein roter Lieferwagen öffnet sein Fenster. Ich bitte um Mitnahme. Der Fahrer zögert: er hätte ein Motorrad, ein Mountainbike und ein Bett im Auto. Er wüsste nicht, wie wir noch Platz hätten. Nach gutem Zureden öffnet er die Kofferraumklappe und wir krabbeln dankbar auf das komplett vermüllte Bett. Nach wenigen Minuten sind wir angekommen. Kurz nachdem wir in die Tür der Dortmunder Hütte eintreten, beginnt es wie aus Eimern zu schütten. Während wir schon versunken in unsere Gespräche am Abendessen sind, öffnet sich wieder die Tür: Dobby und Winky sind tropfend angekommen. Mit großen Augen sieht uns Dobby an: „Wo seid ihr denn langgelaufen?“

An unserem Tisch sitzen zwei freundliche, norddeutsche Sportpädagogen. Matthias arbeitet freiberuflich in der Prävention. Wir verlieren uns in Gesprächen rund um physische, psychische und (seit Corona) soziale Gesundheit. Wie Homeoffice die soziale Einbindung ändert, wie sich die Rolle von Führungskräften im Wandel befindet. Schließlich empfiehlt er mir ein Video von Tobias Beck zu den 4 Menschentypen:

https://m.youtube.com/watch?v=XWhwJusME1c

Ich mag diese Art von Schlubladenklassifikation eigentlich nicht und dennoch geben solche Modelle Denkanstöße für Reflexion und Veränderung. Er erklärt anschaulich anhand eines Beispiels in seinem früheren Arbeitsleben, wie er als „Wal-Typ“ mit einem Hai-Typ walisch gesprochen hatte, was dieser natürlich nicht verstand. Letztendlich dreht sich das Gespräch um die richtige Sprache für die richtigen Personen, um Aufgaben, die Menschen mit bestimmten Stärken besonders gut meistern können. Das Gespräch ist so anregend und interessant, wir könnten noch Stunden sprechen. Doch irgendwann wird Matthias von seiner Frau aus der Stube abgeholt.

Ich beginne mit meiner täglichen Zusammenfassung des Tages und melde mich danach bei ein paar lieben Freunden. Und während ich dir, meine Liebe, schreibe, wie unglaublich stolz ich auf dich bin, was du am Montag geleistet und erreicht hast, obwohl dir das Leben in der Vorwoche einen Schicksalsschlag nach dem anderen zur Bewältigung serviert hat, singt Udo Jürgens in der Hütte nur für dich:

Immer, immer wieder geht die Sonne auf
Und wieder bringt ein Tag für uns ein Liiiicht,
Ja, immer, immer wieder geht die Sonne auf,
Denn Dunkelheit für immer gibt es nicht,
Die gibt es nicht, diiiie gibt es nicht.

Mein Name ist Nela. Ich bin eine freiheitsliebende Entdeckerin, voller Neugierde Neues zu finden, zu sehen, zu versuchen.

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